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23. Februar 2024 00:02
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Adieu The Arch! Zum Tode von Desmond Tutu

Gemeinsam mit Nelson Mandela hatte der emeritierte südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu gegen die Apartheid gekämpft. Dafür ist er 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Später setzte er sich auch im „neuen“ Süd-Afrika für die Versöhnung zwischen alten Peiniger und Gepeinigten ein. Nun ist er im Alter von 90 Jahren gestorben.

Der südafrikanische, anglikanische Erzbischof Desmond Tutu ist am Sonntag im Alter von 90 Jahren verstorben, wie Präsident Cyril Ramaphosa bekannt gab.  In seiner Erklärung drückte der Präsident “im Namen aller Südafrikaner seine tiefe Trauer über den Tod dieser wichtigen Figur der südafrikanischen Geschichte” aus. Ferner fügte er hinzu: “Der Tod des emeritierten Erzbischofs Desmond Tutu ist ein weiteres Kapitel der Trauer im Abschied unserer Nation von einer Generation außergewöhnlicher Südafrikaner, die uns ein befreites Südafrika hinterlassen haben”.

Konsequente, aber gewaltfreie Aktion gegen die Apartheid.

Durch seine Beliebtheit und Ausstrahlung in Südafrika, aber auch durch seine internationale Anerkennung, spielte „The Arch“, wie er von den Südafrikanern genannt wurde eine entscheidende Rolle bei der Beendigung der Apartheid.

Es ist das bösartigste System, das der Mensch seit dem Nationalsozialismus erfunden hat.

Desmond Tutu wurde zu den schlimmsten Zeiten des rassistischen Apartheidregimes populär. Als Priester organisierte er Friedensmärsche gegen die Rassentrennung und setzte sich für internationale Sanktionen gegen das weiße Regime in Pretoria ein. Nur seine Robe bewahrte ihn vor dem Gefängnis. Diese Robe nutzte er auch als argumentative Waffe gegen die Peiniger.  So wiederholte er in den 80er Jahren “die Apartheid ist das Böse”. Damit griff er die religiösen Grundlagen des Apartheid-Regimes an, degradierte das einst auserwählte Volk zum schlimmsten Sünder (die Afrikaaner, die sich als auserwähltes Volk betrachten, hatten bei der Ansiedelung der südafrikanischen Region eine noble, geistliche und eine zivilisatorische Mission deklariert). Er betonte: „Es ist das bösartigste System, das der Mensch seit dem Nationalsozialismus erfunden hat”. Durch diese Herleitung wurde der schwarze Widerstand auch theologisch.

Während seiner Tätigkeit als Generalsekretär des Ökumenischen Rates von Südafrika wurde er zur Stimme des inhaftierten Anti-Apartheid-Aktivisten Nelson Mandela, den er nie im Gefängnis getroffen hatte, dessen starke Überzeugungen er jedoch teilte. Er plädierte für ein entschlossenes, aber gewaltfreies Vorgehen. Genau dieser gewaltfreie Kampf wurde 1984 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. Auch seine Begeisterung für Nelson Mandela zeigte er anlässlich seines Todes. Als Nelson Mandela 2013 starb, rüttelte Desmond Tutu eine äußerst ermüdende offizielle Gedenkveranstaltung wach, indem er die Menge zu einem mächtigen “Ja” aufforderte, nachdem er sie mit den Worten “Wir versprechen Gott, dass wir dem Beispiel Nelson Mandelas folgen werden!” angesprochen hatte.

Ein ungemütlicher Zeitgenosse Getreu seinen Engagements

Desmond Tutu hat mit seinem Engagement nicht nur die Menschenmassen inspiriert, sondern auch viele verärgert. Seine anglikanische Kirche zum Beispiel, als er sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzte (“Ich könnte keinen homophoben Gott anbeten”) oder in jüngerer Zeit für das Recht, in Würde zu sterben. Auch China wurde in seiner Kritik nicht ausgespart. Denn Tutu ergriff auch für den Dalai Lama Position. Auch prangerte er die Verfehlungen der aufeinanderfolgenden südafrikanischen Regierungen an.

Als der weiße Mann kam, hatte er die Bibel und wir hatten das Land…Der weiße Mann sagte zu uns: Kommt, lasst uns niederknien und gemeinsam beten. Als wir unsere Augen wieder öffneten, siehe da! – Wir hatten die Bibel und er hatte das Land…

Selbst sein Freund Nelson Mandela entging seinem Tadel nicht. Als dieser 1994 an die Macht kam, warf Tutu dessen Afrikanischem Nationalkongress (ANC) eine Mentalität des “Profitmachens” vor.  Im Jahr 2013 versprach er sogar, nie wieder für die Partei zu stimmen, die über die Apartheid triumphiert hatte. “Ich habe nicht gekämpft, um Leute zu vertreiben, die sich für billige Götter hielten, und sie durch andere zu ersetzen, die glauben, dass sie auch welche sind”, beklagt Tutu.

Als unermüdlicher Kämpfer für die Einheit der ethnischen Gruppen scheute er sich 2011 nicht, eine Steuer auf den Reichtum allein der Weißen vorzuschlagen, um die Ungleichheiten zu korrigieren. “Sie haben ja von der Apartheid profitiert”, plädierte er.

Auch wenn Desmond Tutu mit seinem Engagement viele verärgert hat, so muss man doch anerkennen, dass er seine festen Überzeugungen immer mit einer fröhlichen Ausgelassenheit verteidigt hat. So sagt er nach dem Aufstand von Soweto „Als der weiße Mann kam, hatte er die Bibel und wir hatten das Land…Der weiße Mann sagte zu uns: Kommt, lasst uns niederknien und gemeinsam beten. Als wir unsere Augen wieder öffneten, siehe da! – Wir hatten die Bibel und er hatte das Land…“.

Einsatz für den Frieden auf kontinentaler und internationaler Ebene

Im Ausland sah man ihn ebenfalls auf allen Konfliktschauplätzen: Demokratische Republik Kongo, Sudan, Kenia. Im Ausland setzte er sich 2012 für die Rechte der Palästinenser ein und prangerte 2017 die Lage der Rohingya in Burma an. Außerdem fordert er, die westlichen Politiker für den Irakkrieg vor Gericht zu stellen. Für seine Handlungen erhält er zahlreiche Auszeichnungen und genoss im In- und Ausland großen Respekt. Er eroberte auch die Herzen vieler internationaler Persönlichkeiten. US-Präsident Barack Obama nannte ihn “ein Symbol der Freundlichkeit und des Friedens”. Und der letzte weiße Präsident Südafrikas, Frederik de Klerk, hatte “großen Respekt vor seiner Furchtlosigkeit”. Nelson Mandela machte ihn sogar zu einem Heiligen; „Gott wartet auf den Erzbischof, er wird ihn mit offenen Armen empfangen”, schrieb er. Der Dalai Lama bezeichnete Desmond Tutu als seinen “älteren geistigen Bruder”. Der ehemalige simbabwische Präsident Robert Mugabe, dessen diktatorische Tendenzen er kritisierte, nannte ihn einen “bösen kleinen Mann in Robe”.

 Auch wenn er 2010 nach der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika seinen Rückzug aus dem öffentlichen Leben erklärt hatte, nahm Desmond Tutu immer noch an vielen internationalen Aktionen teil. Einen seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte er Mitte September 2019, als ihm der britische Prinz Harry und Meghan Markle bei einer Afrikareise ihre kleine Familie vorstellte.

“Schließlich ist er im Alter von 90 Jahren heute Morgen im Oasis Frail Care Centre in Kapstadt friedlich eingeschlafen”, sagte Ramphela Mamphele, Interimspräsidentin des Archbishop Desmond Tutu IP Trust und Koordinatorin des Büros des Erzbischofs, im Namen der Familie Tutu. Über die Todesursache machte sie keine Angaben.

Der Präsident von Südafrika würdigte ihn mit den Worten: “Ein Mann von außerordentlicher Intelligenz, integer und unbesiegbar gegen die Kräfte der Apartheid, war er auch zart und verletzlich in seinem Mitgefühl für diejenigen, die unter Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Gewalt während der Apartheid gelitten hatten, und für die Unterdrückten und Unterdrücker auf der ganzen Welt.”

Vom kleinen Rebellen-Lehrer zum spirituellen Führer der Anti-Apartheid Bewegung

Desmond Tutu wurde am 7. Oktober 1931 in Klerksdorp in Transvaal, einer kleinen Bergbaustadt südwestlich von Johannesburg, der Wirtschaftsmetropole Südafrikas, geboren. Sein Vater Zacheriah Zililo war Lehrer und seine Mutter Aletta arbeitete als Köchin. Die Familie war arm.  Als Kind erkrankte er an Poliomyelitis. Geprägt von dieser Erfahrung wollte er Arzt werden und wurdw sogar in eine medizinische Schule aufgenommen. Dies gab dies er jedoch wegen fehlender Mittel auf. Stattdessen erhielt er ein Stipendium für ein Studium der Erziehungswissenschaften am Pretoria Bantu Normal College. Dort erwarb er 1953 das Lehrerdiplom. Im selben Jahr trat der Bantu Education Act von 1953 in Kraft, ein Gesetz, das u.a. nach Rassen getrennten Bildungseinrichtungen durchsetzte. Aus Protest gegen die Schwächung und Verschlechterung des Bildungsniveaus der Schwarzen, die unmittelbare Folge dieses Gesetzes waren, trat Desmond Tutu 1957 von seinem Posten als Lehrer zurück. Er wandte sich religiösen Studien zu und wurde 1961 zum anglikanischen Priester geweiht. Nach Vertiefung seiner theologischen Studien am King’s College in London durch das Absolvieren eines Master of Theology, kehrte er 1967 nach Südafrika zurück. Dort war er u.a. tätig als theologischer Dozent am University College Fort Hare sowie im benachbarten Federal Theological Seminary in Alice als einer von sechs Dozenten.

1975 wurde er zum Erzbischof von Kapstadt und zum Oberhaupt der anglikanischen Gemeinschaft in seinem Land ernannt. Damit war er der erste Schwarze, der das Amt des Dekans der Diözese Johannesburg innehatte und in der anglikanischen St. Mary’s Cathedral amtierte. Er lehnte eine mit diesem prestigeträchtigen Posten verbundene luxuriöse Dienstwohnung ab und zog stattdessen in eines der Viertel von Soweto, dem Ghetto der Schwarzen, in dem der blutige Schüleraufstand (das sog. Soweto uprising) stattfand. Sein neues Amt war für ihn eine ideale und respektierte Plattform, um sich für die Rechte der schwarzen Bevölkerung einzusetzen und das segregierte Apartheidsregime anzuprangern.

1978 wurde er Generalsekretär des Ökumenischen Rates von Südafrika, was seine Stellung als unantastbare Persönlichkeit und Verteidiger der Schwarzen noch verstärkte.

1986 wurde er in das höchste Amt der anglikanischen Kirche in Südafrika berufen, indem er Erzbischof von Kapstadt wurde. Im Jahr 1987 wurde er Präsident der Konferenz aller Kirchen des Landes, ein Amt, das er bis 1996 innehatte. Am 11. Februar 1990 wurde Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft endlich freigelassen und wurde 1994 der erste schwarze Präsident des Landes.  Daraufhin ernannte er Tutu zum Leiter der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die 1995 eingerichtet wurde um die Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid zu untersuchen. In den drei Jahren der Untersuchung werden rund 30.000 Personen angehört. Doch Tutu, inspiriert von seinem tiefen Glauben, predigte Vergebung. Ende 1998 wurde ein entsprechender Abschlussbericht vorgelegt. Von 7112 Antragstellern wurden etwa 5300 eine Amnestie verweigert.

Desmond Tutu hinterlässt vier Kinder, eine Frau und ein sehr dankbares südafrikanisches Volk.

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